Alles begann mit einem unchristlich frühen Aufstehen. Die Koffer waren gepackt, die obligatorische panische Angst etwas zu vergessen größtenteils unterdrückt. In stiller Dunkelheit rollerten wir mit unseren Kuller-Koffern in Richtung S-Bahn-Station. Dort stellten wir schnell fest, dass es schon einen Grund hat, warum man sich normalerweise nicht gegen 4 Uhr früh an einer verlassenen Station herumtreibt - die anwesende Zielgruppe hinterlässt seeeehr merkwürdige Eindrücke. Kein Grund zur Besorgnis, eine ereignislose Fahrt später fanden wir uns auch schon am Flughafen wieder, wo neben allerlei überteuertem Kaffee auch Eincheck-Späße und der Gang durch das Biep-Tor warteten. Eine kurze Erklärungsnot später war ich mein Tuckenbesteck los - ein Mini-Taschenmesser, das nebenbei auch Nagelfeile und -schere ist. Praktisch. Aber von da an nicht mehr mein Eigentum. Verständlich, schließlich hätte ich dem Captain damit die Maniküre versauen können. Das freundliche Personal wies mich zwar darauf hin, dass ich mir dies Anhängsel für sieben Euro gerne nach Hause hätte schicken lassen können, aber ich zeigte mich gönnerhaft, und spendete mein Hab und Gut "einem guten Zweck". Ich verstehe natürlich die Sorgen rumänischer Einwanderungskinder, die sich über nichts mehr freuen würden, als ein kleines Taschenmesser/Nagelkit zum Überbrücken langweiliger Nachmittage. Nun ja. Was soll's? Direkt danach lauerte nämlich eine viel angenehmere Überraschung: der Duty-Free-Shop, in dem die Zigarettenstangen für 2/3 des normalen Ladenpreises herumlungern. Mann, waren wir bislang blöd! Rein rechnerisch gesehen könnte es sich durchaus lohnen, einen Haufen Billigflüge zu ordern, und die entstandenen Kosten durch hemmungslosen Duty-Free-Hamsterkauf wieder reinzuholen. Beim folgenden Guten-Morgen-Backstein-Croissant überlegte ich mir noch kurz, dass es eigentlich kein schlechter Gag wäre, vom Passagierbereich aus eine Pizza zu bestellen, als schon der Aufruf in die Maschine ertönte. Und wenn er schon da ist, folgen wir ihm auch.
Ich bin vorher noch nie mit bulgarischen Airlines geflogen. Warum auch, schließlich war ich bislang auf meinen nicht wenigen Trips stets in den westlichen Teil der Welt unterwegs. Seit dem Einstieg in die Maschine weiß ich auch wieso. Ich will keine Klischees verstärken, aber bulgarische Airlines sind Hardcore: Sie sind definitiv ausschließlich für Zwerge geschaffen; für Leute die kleiner sind als 170cm und keine Beine haben. Denn: Die Beinfreiheit unserer Maschine betrug nachgemessene 20cm. Ich konnte es drehen und wenden wie ich wollte, ich saß da wie ein Modell von Picasso. Nach einiger Zeit erbarmte sich Peg meiner, und tauschte den Platz mit mir. Danach saß ich vor dem Notausgang, und konnte wenigstens die Beine einigermaßen ausstrecken, auch wenn ich in dem Kindersitz immer noch eingepfercht war wie der Tanga von Roseanne. Aber die Sache hatte auch einen Vorteil: Es gibt noch Raucherflüge auf dieser Welt! Das war in der Tat so unfassable, dass mich nur die Bordverpflegung wieder von meinem Gute-Laune-Trip runterholen konnte: Knapp über dem Gefrierpunkt befindliches Essen, welches mangels irgendeiner Art von Platz direkt am Ort des Auspackens verspeist werden musste. Man stelle sich das so vor, als würde ein Mensch ohne Unterarme versuchen zu stricken. Kaum war das überstanden und die zweite Packung Nervenbalsam-Erdnüsse verdrückt, stand auch schon die Landung auf dem Programm. Ich sage dazu nur so viel, dass ich mir echte Vorwürfe machte, weil ich immer noch kein Testament mein eigen nenne. Kaum stand die Maschine, folgte ein fluchtartiges Verlassen selbiger, nur um draußen von Wolken und Windstärke 10 begrüßt zu werden.
Kaum hatten wir unser Gepäck abgeholt und eine verdiente Sitzpause auf einer ebenso herrlich breiten wie harten Bank eingelegt, wurden wir schon in Richtung Bus gewunken, der uns zum Urlauberparadies karren sollte. Dort wartete bereits das einköpfige Empfangskomitee in Form eines Reiseführers, der sich nicht zu blöd war, seinen offensichtlich auswendig gelernten Begrüßungstext drei Mal mit "Willkommen im sonnigen Bulgarien.." zu beginnen (weil er dauernd unterbrochen wurde, vermutlich von Blitz und Donner), ungeachtet der Tatsache, dass über uns dunkelgrau vorherrschte, und wir die Jacken festhalten mussten - ich vermute, dass er unter Waffengewalt dazu gezwungen wurde, diesen Vortrag jedes Mal auf ein Schnipsen hin abzuspulen. Ein Grinsen später waren wir auch schon im Bus, wo die Mundwinkel noch weiter in die Höhe schossen: ein 40-Mann-Bus, gefüllt mit sechs Personen! Vermutlich eine Art Kompensation für das Sardinenhafte des Fluges. Leider hat so viel Platz auch einen Nachteil: Es gibt nichts Interessantes zu sehen, so dass man sich auf seine Außenwelt konzentriert. In diesem Fall war das Burgas, die Stadt am Flughafen, die wir durchqueren mussten, um zu unserem Ziel zu gelangen. Der Anblick war alles andere als schön: Burgas ist ein sehr elend verkommenes Stadt-irgendwas, mit scheinbar von Streichhölzern zusammengehaltenen üblen Slums, denen man die Armut der Bevölkerung jede Sekunde lang ansieht. Ein etwas bedrückender Einstieg für einen Erholungsurlaub, zugegeben. Besonders angesichts der offensichtlichen versuchten Anlehnung an den "reichen Westen", der sich in diesem Fall in Form von massenhaft Werbeplakaten offenbarte. Doch sobald man die Stadt verlassen hat, dreht sich das Bild, und heller Sonnenschein (in unserem Fall leider nur metaphorisch) regnet auf aller Zuschauer Seelen herab: Die Umgebung zwischen Burgas und dem Hotelanwesen (auf den ca. 30 km dazwischen passiert städtemäßig nicht viel) erinnerte mich mit all den orangenen Ziegeldächern, trockenen Steppen und Zypressen sehr an Griechenland. Obwohl ich da noch nie war.
Die (im wahrsten Sinne des Wortes) größte Überraschung wartete hingegen mit dem gigantischen Club-Anwesen, dem "Duni Royal Resort": Abgesehen davon, dass es wirklich konsequent abgeriegelt ist, ist es ca. 10 km vom nächstgrößeren Ort entfernt und funktioniert scheinbar vollkommen autonom vom Rest von Bulgarien. Das Gelände besteht aus drei Hotels, sowie einen gewaltigen Areal, auf dem fast jede Form der Zeitverschwendung geboten wird. Außer Golf. Schade. Doch dazu später mehr. Wir landen im Hotel ("Pelikan"), checken ein, nehmen unser schnuckeliges Zimmer unter die Lupe, und machen einige interessante Entdeckungen: Bulgarische Schnecken sind Freeclimber. Die haben den ganzen Tag nichts Besseres zu tun, als eine recht solide wirkende Wand rauf- und runterzuschleimen. Natürlich kann ich das nicht in voller Vollständigkeit beeiden, schließlich habe ich sie nicht den ganzen Tag dabei beobachtet. Aber die statistische Wahrscheinlichkeit legt nahe, dass ich recht habe. Darüber hinaus wachsen direkt vor unserem Fenster Bohnen, oder zumindest Bohnen sehr ähnliche Dinge. Obgleich wir im ersten Stock residieren, und mein bisheriges Bohnenbild das Gemüse mit dem Erdboden in Verbindung brachte. Mein Weltbild mediterraner Bohnenzucht steht kurz vor dem Kollaps, deswegen bemühe ich mich, in dem Gewächs eine bohnenförmige Blume zu sehen, die nur einmal im Jahr wunderschön blüht - nämlich vorgestern.
Da dieser unser Urlaub "all inclusive" gebucht war, machten wir uns nach kurzer Akklimatisierungsphase auf die obligatorische Jagd nach Beute und Futter. Das fanden wir auch - reichlich davon! In diesem Hotel zu verhungern dürfte ungefähr so wahrscheinlich sein, wie von Elvis' UFO überfahren zu werden. Bis auf eine kurze Nachtruhephase hat das Restaurant da nämlich den ganzen Tag geöffnet: Frühstück, spätes Frühstück, Mittagessen, Nachmittagssnack, Abendbrot und natürlich auch ein Mitternachtsimbiss - Teufel auch! Dasselbe galt natürlich auch für die Getränke, die zwar zum Teil nur nach mehr oder weniger dünnem Alkohol schmeckten, aber (und da kommt der Ossi durch) gratis waren - also rein damit, blind werden kann man auch von vielen anderen Dingen. Jeden Tag gab es einen Cocktail des Tages, der sich von seinem Vortagesmodell zwar hauptsächlich in der Schirmchenfarbe unterschied, aber immer einen neuen Namen hatte. Auf den jeweiligen Cocktail komme ich immer am Ende jedes Tagesberichts zu sprechen.
Natürlich hat kostenloser Alkohol in rauen Mengen auch einen Nachteil: jeder trinkt ihn. Und so stießen wir auch gleich am ersten Abend auf den wohl in jedem Urlaub unvermeidlichen Haufen Briten, die zwar ebenso alt wie laut waren, aber sich endlich weit von der Heimat entfernt austoben durften. Wie schon erwähnt hasse ich es auf Klischees herumreiten zu müssen, aber das waren die englischen Vorzeigetouristen schlechthin: besoffen, lärmend, und (wohl unvermeidlich) kotzend. Nicht nur in Richtung Boden, sondern auch auf sich selbst, die Nachbarn und sicherheitshalber noch mal auf den Boden - eine Schande. Uns blieb nur die Flucht ins Zimmer, wo wir den Fernseher ausprobierten, und feststellten, dass zwar PRO7 zu empfangen war, aber Ton und Bild leicht asynchron liefen - mit einem Abstand von ca. 3 Sekunden. Prinzipiell kein Problem für einen eh schon abstrakt denkenden Menschen, aber gerade "Popstars" gewann durch diese Verzögerung eine neue, unheilvoll bizarre Dimension dazu. Gute Nacht.
Cocktail des Tages: Alexander
Da schau her - es gibt Sonne zum Frühstück. Die hat den Nachteil, dass man einen genaueren Blick auf die Miturlauber zu werfen imstande ist. Und schon fühlten wir uns aussätzig: Da wir außerhalb der Saison gebucht hatten, waren wir zwei hilflose Sandkörnchen inmitten eines Familienidylls. Praktisch jedes glücklich lächelnde Pärchen hatte mindestens ein Kind am Hals, meist noch eins im Bauchsack oder Kinderwagen vor sich her schiebend. Egal wann man tagsüber wo war, stets gab es mindestens ein Blag, das mit der Gesamtsituation unzufrieden war, und dies seiner Umwelt lautstark mitteilte. Ich bin auch so schon kein Kinderfreund, aber das hat mir den Rest gegeben - es half nur noch die Flucht an den Strand, da es für den Suff noch etwas zu früh war. Selbst im Urlaub habe ich noch das eine oder andere Prinzip.
Wie so oft, bewies auch in diesem Moment Mutter Natur, dass sie nach Belieben in den Miststück-Modus wechseln kann, und erhöhte Wolkendichte sowie Sonnendunkelheit proportional zu jedem unserer Schritte in Richtung Strand. Das Ergebnis war, dass wir, am güldenen Sand angelangt, mit dem Blick nach oben nur eine wabernde graue Masse sahen. Was mich natürlich nicht davon abhielt, mich trotzdem in die Fluten des schwarzen Meeres zu stürzen - wenn ich schon so weit gekommen bin, lasse ich mich nicht von etwas schlechtem Wetter abhalten, selbst wenn es größer ist als ich. Das Ergebnis dieses kurzen Ausflugs in die salzigen Fluten war..
Gut, Meer hat also momentan keinen Sinn. Also machten wir uns auf die Suche nach belangloser Zerstreuung, und fanden die im Animationsprogramm. Wir dekadentes Urlauberpack saßen gemütlich in einem großzügig überdachten Restaurant, und schlürften diverse Cocktail-Experimente, während sich am Pool allerlei Aktivisten abhechelten, die von Animateuren angefeuert wurden, die meiner Meinung nach früher den Pyramidenbau beaufsichtigt hatten. Danach ging's uns schon soweit besser, dass wir einen Ausflug in das hiesige bulgarische Restaurant nicht für die schlechteste Idee hielten. Zwischen wirklich gutem Essen, allerlei Verständigungsschwierigkeiten und einer verirrten Schwalbe, die über unseren Köpfen ihre Runden drehte, bemerkte ich, dass der Weißwein, den wir uns zu Gemüte führten, übersetzt tatsächlich einfach "Weißwein" hieß. Finde ich großartig, kurz, prägnant, auf den Punkt gebracht. So was sollte man adaptieren: Schon in Kürze präsentiere ich das Auto "Auto"! Hernach waren wir gut gesättigt und sinnierten ob weiterer Abendvergeudungsmöglichkeiten, als unser Blick auf das hiesige Amphitheater fiel, in dem in Kürze eine große Show steigen sollte - och jo, warum eigentlich nicht? Wenn man keine Erwartungen hat, kann man nicht enttäuscht werden - oder aber man wird einfach weggeblasen! Beeindruckend, wirklich beeindruckend: die tagsüber so nervenden/dauergutgelaunten Animateure haben in ihrer sicherlich nicht eben gigantisch bemessenen Freizeit eine Show mit Akrobatik, Breakdance, tollen Tanzeinlagen und dem gelenkigsten Mann der Welt auf die Beine gestellt - hossa!
Cocktail des Tages: Strawberry Colada
Der von der blickbasierten Erkenntnis, dass es auch heute nicht wirklich sonnig wird eingeleitete Dienstag entpuppte sich im nachhinein als der insgesamt unaufregendste Tag bislang - und, um mal einen Blick in die Zukunft zu gestatten, auch des folgendes Gesamturlaubs. Wie so oft wurde uns auch heute für spätestens in zwei Stunden ein Mörderwetter samt Instant-Bräune versprochen, doch die Vermutung legt nahe, dass der Wetterfrosch, der für diese Aussagen verantwortlich ist, wohl von den ganzen Gratisdrinks besoffen ist und dementsprechend Humbug quakt. Schön, dann eben morgen - hat ja schon ein paar Mal geklappt. Die Gedanken schweifen: Was tun, was tun? Hey, waren da unten am Strandrestaurant nicht ein paar Tischtennisplatten? Sind wir nicht fit wie Turnvater Jahn? Liegen hier nicht auffälligerweise ein paar Kellen rum? Hochjauchz, ein Sinn! Schon nach kurzer Zeit mussten wir allerdings gequält feststellen, dass das einfache Hin- und Herpochen eines kleinen Balles neben der ermüdenden Einfallslosigkeit des Geschehens auch erstaunlich anstrengend ist - jedenfalls wenn man es nicht so spielt wie unsere Tischnachbarn, die vermutlich schon lange tot waren, und den Ball nur aufgrund postmortaler Zuckungen in Bewegung hielten.
Einige schweißgetränkte Stirnplatten später war es auch schon wieder Mittagszeit, wobei Peg keine Ausreden mehr vorweisen konnte: Sie war/ist offizieller Schopska Salat-Junkie! Das ist ein traditioneller Balkan- Salat, der ein bisschen aber nicht ganz an eine Mischung aus normalen grünen Salat, viel Schafskäse und trockenem Borschtsch (Wie blöd das aussieht, wenn es im Nicht-kyrillischen geschrieben wird! Eeeeek!) erinnert. Laut ihrer Aussage das zweitköstlichste Genussmittel der Welt, was sie auch gleich zum Anlass nahm, sich das Zeug zu jeder passenden Gelegenheit hinter die Binde zu stopfen - mittags, abends, vermutlich auch im Schlaf. Den wir heute in reichlicher Menge hatten: Die Langeweile nebst der körperlichen Ermüdung ließ das sorgsam gefaltete Bett in einem wundervollen Licht erstrahlen, was einige vergeudete Stunden nach sich zog. Doch dann - der Schock: Wir bereiteten uns gerade auf eine heiter verzögerte Friends-Folge vor, als es unerwartet dunkel wurde - WATZ, alles aus! Fernseher, Lichter, Musik. Was natürlich keinen Einfluss auf die fröhlich weiter grölenden Barbesucher (Briten, nehme ich an. Klar.) hatte, anhand derer man sich einigermaßen orientieren konnte. In Momenten wie diesen bin ich froh, in einer Branche zu arbeiten, die gelegentlich auch mit nützlichen Werbegeschenken rausrückt. Und dass ich nix wegwerfen kann. Also tastete ich mich zu meiner Tasche vor, wühlte ein bisschen, und versetzte kurz darauf die nähere Umgebung in strahlenden Sonnenschein - Gott segne Maglite-Taschenlampen (Die ich dankbarerweise nicht am Flughafen darbenden Einsiedler-Kindern spenden musste. Komisch eigentlich - ich hätte ja den Piloten zu Tode blenden können). Allerdings hatte die Sache ein genauso schnelles Ende wie den überraschenden Anfang - schwupps, ward wieder Licht. Klar, dass wir der Sache auf den Grund gehen mussten: Laut gebrochen englischer Auskunft des glasschrubbwütigen Barkeepers passiert so was 2-3 Mal pro Saison. Gut, dass wir bei einem derart historischen Ereignis dabei sein durften. Genau das richtige Stichwort, um gleich nach dem Herunterspülen einiger Tagescocktails die ordnungsgemäße Funktion der Kissen zu überprüfen.
Cocktail des Tages: Long Island Icetea
Neuer Tag, neues Glück: Ein kurzes Rappeln an den Gardinen beschert uns unerwartete Freudemomente: Sieh an, so sieht also Sonnenschein aus! Natürlicher Reflex 1: Gardinen wieder zu! Natürlicher Reflex 2: Hirnlos an den Strand! Der selbstverständlich wie die klischeedurchnässte Postkarte aussah: herrlich gelber Sand, herrlich blaues Wasser, herrlich viele Leute, herrlich wenig Liegestühle – doch schon so spät? Egal, im Wasser kann man auch lümmeln, also hinein und Instant-Freude. Außerdem wurde der zweite Krabbenfang getätigt, samt der darauf folgenden Touri-Zwänge: Fotos! Wie wir nämlich justament feststellten, haben wir bislang unsere Foto-Pflichten sträflich vernachlässigt. Schließlich haben wir uns in der Prä-Urlaubs-Panik mit immerhin vier Filmen eingedeckt, von denen bislang gerade mal ein halber verknipst war. Wieder ein kurzer Blick in die Zukunft: Viel mehr sollte es auch bis zum Ende nicht werden. Ist wohl so ein Qualität-vor-Quantität-Ding.
Wenn man schon im Wasser ist, begnügt man sich natürlich nicht damit, einfach so herumzuplanschen, wie es im Kindesalter vielleicht noch okay war. Der Meerestourist von heute tobt, hüpft und flickflackt herum, um deutlich zu demonstrieren, aus welch trockener Gegend er stammt. Und er präsentiert hehre Schauspielkunst: In unserem Falle war das die »Attacke der Killermördermonster vom andern Stern« feat. Froschi + Peg auf den Schultern. Außerdem wurden wir an dem Tag leicht braun. Was hauptsächlich mit extremem Herumlungern in der Sonne zu begründen ist, was darauf fußt, dass ich an dem Tag endlich den aktuellen Spiegel mit erheblicher Verzögerung in meinen geifernden Händen hielt. Bei der Gelegenheit möchte ich außerdem eine Warnung an alle Menschen aussprechen, die mit mehr als 1.60m Körpergröße am bulgarischen Strand abhängen: Achtet auf gemeingefährliche, extrem niedrige Sonnenschirme, welche euch auflauern und hinterrücks anspringen!
Der Abend verlief bewährt lehrreich: Zum einen lernten wir, dass praktisch alle Drinks irgendwie gleich aussehen und auch ziemlich ähnlich schmecken. Aber wie bereits erwähnt sind sie kostenlos, außerdem besteht der Cola-Wodka zu 60% aus Wodka. Und sollte man der Versuchung erliegen, sich einen Wodka pur zu bestellen, bekommt man nicht etwa den aus hiesigen Kreisen gewohnten 2 oder 4 cl messenden Fingerhut, sondern ein massives Saftglas voller Alkohol. Allerhand.
Cocktail des Tages: Sex on the Beach
Ein ungewöhnlicher Tag, gleich von Anfang an: Aufstehen 9 Uhr! 9 UHR! Und all die Qualen nur, weil ich eine Taucherbrille haben will! Da wir ja in einem Touri-Dorf untergebracht sind, denken wir logisch: Ein Strand ist in der Nähe, und Touris mögen das Wasser. Besonders von unten. Also ist anzunehmen, dass es hier irgendwo ein florierendes Taucherbrillenfachgeschäft gibt.
Ist vermutlich ein Deal mit den benachbarten Dörfern, damit die auch was vom kaufwütigen Volk haben. Tatsächlich gibt es in der ganzen Anlage wirklich alles, was irgendwie mit der Bewegung im Wasser zu tun hat. Nur keine Taucherbrillen. Auch keine Schwimmbrillen. Nix dergleichen. Eine hitzige Debatte beim Frühstück später sitzen wir im Taxi nach.. ähm.. Dings.. Sozopol. Im unheimlichen, Hotel-eigenen Taxi wohlgemerkt, das schwankt, wenn es nichts zum Schwanken gibt, das ein hoppelndes Tacho hat, welches sich mal locker um 30 km/h unsicher ist, und dessen Fahrer angesichts seiner todesverachtenden Geschwindigkeiten Verkehrsregeln vermutlich für eine abstrakte Art des Kamasutra hält. Bleich in Sozopol angekommen machen wir mit einem Seitenblick auf die noch weniger Vertrauen erweckenden stadteigenen Taxen mit unserem Fahrer einen Deal aus: In zwei Stunden wieder hier; falls wir nicht da sind, sind wir entweder tot oder flüchtig.
Da sind wir also: Sozopol. Oder wie ich es gerne nenne: Stadt des Wissens. Denn davon haben wir uns eine ganze Menge angeeignet. Ich präsentiere hiermit feierlich spannende Fakten über Bulgarien im Allgemeinen (auf Basis unseres Sozopol-Wissens auf das restliche Land extrapoliert):
Wissen ist Macht. Mit derlei Kraft ausgestattet begeben wir uns wieder todesmutig in das Taxi der Hölle, und lassen uns in das Hotel zurückzischen, wo wir uns nach kurzem Brainstorming auf Extreme-Strand-Abhänging einigen. Peg-seitig jedenfalls – ich musste natürlich sofort meinen Neuerwerb ausprobieren. Und stellte dabei fest, dass eine von unten betrachtete Wasseroberfläche herrlich psychedelisch aussieht. Außerdem gewann ich neue und für den Fortbestand der Menschheit eminent wichtige Erkenntnisse über unsere Krabbenfreunde: Die Viecher sind schnell. Wirklich schnell. Sie verfügen nämlich über evolutionstechnisch gereifte Flucht-Skills, welche ihnen das blitzartige Abhauen in vielerlei Varianten gestatten, von denen ich einige am lebenden Objekt bestaunen durfte:
Falls weder Zeit noch Umgebung a, b oder c zulassen, verfügen Krabben außerdem über einen ausgeprägten Selbstverteidigungsinstinkt: Sie kämpfen mit hoch erhobenen Zangen und forschem Blick! Außerdem sind sie liebevolle Eltern, die ihren Nachwuchs im Falle der Beinfaulheit auch mal ein Stück weit tragen. Wo wir gerade im Meer sind: Quallen haben etwas sehr Erhabenes, wenn sie so gelangweilt durchs Wasser treiben, und Muschelinsassen machen ihre Tür recht langsam zu. Genug des Wissens.
Da der Strand auf Dauer etwas Abwechslung vermissen lässt, wir aber hauptsächlich zum Baden hier sind, erschien uns der Hotelpool als angemessener Kompromiss aus Wasseraction und Entertainment. Leider musste ich feststellen, dass der Pool nicht nur erheblich flacher, sondern vor allem auch kälter als das Meer ist. Also wandten wir uns kurz darauf einer eher mäßig unterhaltsamen Show am Abend sowie einem Strand-Happening mit Feuerzauber und Best-of-DJ-Ötzi-feat-Hermes-House-Band-Musik zu – keine gute Idee, weswegen die Flucht in Richtung Bar auch eine Frage von Sekunden war.
Cocktail des Tages: Forest Wind (garantiert nur ein fieser Joke der Angestellten, da sonst niemand diesen Cocktail kennt)
Ah, Urlaub – so wie es sich gehört, sind wir erst gegen 12 Uhr aus den bequemen Federn gekrochen. Einem üppigen Chips-Frühstück folgte auch prompt das Mittagessen (jawoll, wir sind dekadent!), welches aber nicht mit den Chips mithalten konnte – ich verlange eine umgehende Erklärung, warum es hierzulande nicht den köstlichen Knabberkram mit Pizza- und Käsegeschmack gibt! Möglicherweise verbieten die deutschen Hygiene- und Seuchenvorschriften den Import, aber das war uns in dem Moment egal. Ab zum Strand: Dort warfen wir einen Blick auf die was-ein-Touri-zu-tun-hat-Liste und stießen auf das Banane-Fahren. Richtig, das sollte man mal gemacht haben. Allerdings ist vorschriftsmäßiges Bananieren nicht so einfach, wie uns das die lachenden Gesichter in Baywatch suggerieren, denn: Unser Fahrer ließ natürlich keine Welle aus, was in immer stärkeren Hoppelbewegungen unserseits und selbstverständlich in einem Freiflug meinerseits endete. Da ich aufgrund einer tödlichen Mischung aus Sonnencreme und Gewicht ums Verrecken nicht mehr selbst auf das gelbe Teil kam, musste der Motorboot-Scherge beidrehen und mich rauffischen. Hat aber nichts geholfen, denn schon kurz darauf segelte ich wieder mit einem »Juche!« von der gelben Gefahr – selbes Problem, selbe Hilfe-Prozedur. Viele interessiert zusehende Quallen.
Nach dieser Seelenpein war der Weg zur strandnahen Bar eine Selbstverständlichkeit. Und dort wurde mir offen bewusst, was bisher nur unterschwellig meinen Verstand malträtierte: Der offizielle Club-Song! Gleichermaßen Gehirnerweicher wie Happy-Sonnenschein-Folter, wobei der Song als solcher weniger weh tut als die dazu gehörige Choreographie, aufgrund derer sich D! (haha!) vermutlich nicht nur an seinen eigenen Gedärmen erhängen, sondern darauf folgend pausenlos in seinem feuchten Grab rotieren würde. Bevor mein Lebensodem endgültig die Biege machte, fiel mir etwas lebensrettendes ein: ich bin gar nicht das ärmste Schwein der Welt – das sind die Animateure, die diese Büchse der Pandora täglich locker fünf Mal öffnen müssen. In diesem Zusammenhang versteht man auch, wieso so viele Massenmörder früher mal fröhliche Menschen waren.
Flucht zu weniger suizidgefährdender Tätigkeit: das Schreiben uferloser Urlaubskarten. Bin kein großer Freund von »Huhu, wir haben total viel Spaß, das Wetter ist toll, die Menschen auch und das Essen sowieso, lieben Gruß an alle und Aloha!«-Verbrechen, weswegen ich weniger, aber dafür individuellere Karten verzierte. Natürlich inklusive gnadenlos verhunzter Adressen, denn vor dem Abflug standen wir natürlich über dem pöbeligen Sammeln von korrekten Anschriften. Sowas merkt man sich ja leicht. Jedoch ein Triumph des Willens: denn tatsächlich traf selbst die Karte korrekt ein, bei der wir sowohl Postleitzahl als auch Hausnummer falsch geraten hatten!
Das Highlight des Abends war der Besuch beim recht edlen Italiener, für den man am Vortag zwischen 8 und 9 Uhr reservieren musste, und mit etwas Glück einen Tisch bekam. Selbstverständlich gab es dennoch die unerschütterlich hoffnungsvollen Optimisten, die abends Fragen wie »sind zufällig noch drei Tische frei« stellten – wenn die Angestellten solcherlei Aussagen nicht jeden Abend zu hören bekämen, würden sie wohl dauernd mit dem Finger auf die Trottel zeigen und herzhaft lachen. Aller Späße zum Trotz darf man die Klugscheißerei natürlich nicht vernachlässigen, weshalb Peg als alte Gastronomin mit fachkundigem Auge sofort auffiel, dass das Besteck vollkommen falsch lag – Fauxpas, Fauxpas! Die später folgende abendliche Gäste-Show inklusive Mister Urlaub-Wahl haben wir uns dann doch nicht mehr angetan.
Cocktail des Tages: Baileys Cream
Leichte Bedrückung macht sich breit, der letzte Tag, oh weh, oh weh! Und er begann auch klischeehaft apokalyptisch mit fiesen Wolken und der Aussicht auf nie wieder startende Flugzeuge (Teufel an die Wand malen, anyone?), doch kurz darauf siegte der Optimismus: Die Wolken wurden beiseite gepustet, die Sonne lacht - friss das, Zombiewetter, ab an den Strand, nur ein letztes Mal! Und an den Pool, nur ein letztes Mal! Und in die diversen Souvenirshops, nur ein letztes mal, um die vielen getauschten Kröten loszuwerden und uns mit den köstlichsten Chips der Welt und fragwürdigen CDs zu verproviantieren. Später, an der Bar (ein letztes Mal), hatte der DJ wohl seine Depeche Mode-Mütze auf, jedenfalls erklang zum ersten (und auch zum letzten) Mal durchgehend gute Musik, die auch unsere sandgefüllten Schuhe zum Zucken brachte. Doch es half alles nichts, der Flughafen schrie nach uns: Die Rückfahrt gestaltete sich herrlich ereignislos, mit Ausnahme einer interessanten Immobilienbeobachtung meinerseits: mitten in der Landschafte lungerte ein herrenloser Erdflecken, in dem etwas unmotiviert ein »For Sale!«-Schild steckte. Ich kann dahinter nur einen göttlichen Plan oder die Mafia vermuten.
Am Flughafen Burgas angekommen mussten wir feststellen, dass man in den Duty Free-Shops nur bar bezahlen kann – siehe auch »Registrierkasse«. Der Wartebereich ist außerdem erstaunlich klein, und damit natürlich schon nach kurzer Zeit schweinevoll, genau wie das Flugzeug, welches uns zurück ins heimatliche München karrte. Der Rückflug als solcher verlief ziemlich genau wie die Hinreise, mit einer Ausnahme: die Landung war trotz wundervollem Münchner Wetter weitaus schlimmer und lebensbedrohlicher als beim ersten Mal. Ich vermute einfach, dass den Piloten während des Fluges einfach stinklangweilig ist, und sie sich durch die Schreie der Passagiere wach halten.
Cocktail des Tages: Nix. Aber dafür erwarteten uns wundervolle Kondensstreifen.. oooch..
Warum ich das alles eigentlich geschrieben habe? Keine Ahnung. Schriftstellerische Fingerübung in Kombination mit Langeweile, nehme ich an...
Das Ende